Der Völkermord in Gaza geht still und leise weiter: Ärzte der Welt berichtet über die langfristigen Folgen der fehlenden medizinischen Versorgung für die Bevölkerung
© Moath Abu Al-Laban
Drei Jahre nach Beginn des Völkermords in Gaza und fast ein Jahr nach der Verkündung des Waffenstillstands veröffentlicht Ärzte der Welt neue Daten zu den menschenunwürdigen Lebensbedingungen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit der palästinensischen Bevölkerung.
Wiederholte Vertreibungen, stark eingeschränkter Zugang zur medizinischen Versorgung, psychische Not, Unterernährung, Krankheiten aufgrund unerträglicher Lebensbedingungen: Die Bombardierungen und die Gewalt sind zwar weniger sichtbar, doch die Angriffe der israelischen Armee gehen weiter. Die Folgen des Krieges hinterlassen weiterhin Spuren in den Körpern und verurteilen ein ganzes Volk zu einem langsamen und stillen Tod.
Stille Gewalt, die mehr als 2 Millionen Menschen trifft
In Gaza leben immer noch mehr als 2 Millionen Menschen unter katastrophalen humanitären und gesundheitlichen Bedingungen. Die Verstöße gegen den Waffenstillstand gehen weiter und der Zugang zu humanitärer Hilfe ist nach wie vor stark eingeschränkt. Die Teams von Ärzte der Welt berichten von einer anderen, stilleren Form der Gewalt: derjenigen, die eine Bevölkerung trifft, deren Gesundheitszustand sich dauerhaft verschlechtert, weil die Voraussetzungen für Prävention, Behandlung und Heilung fehlen.
Diese schleichende Gewalt beeinträchtigt die körperliche und geistige Unversehrtheit, die Würde und die Zukunft der Palästinenser und Palästinenserinnen.
Blockade der humanitären Hilfe
Indem sie einer ganzen Bevölkerung den Zugang zu medizinischer Versorgung, Nahrung, Wasser, den für ihr Überleben notwendigen Lebensbedingungen und den Mitteln zum Wiederaufbau verwehrt, trägt die Blockade der humanitären Hilfe durch den Staat Israel zur Zerstörung der für das Leben und die Gesundheit der Menschen in Gaza unverzichtbaren Voraussetzungen bei. Insofern trägt sie zum Völkermord bei.
Wiederholte Vertreibungen und unbewohnbare Unterkünfte
Die Einschränkungen beim Zugang zu humanitärer Hilfe und die wiederholten Vertreibungen berauben Familien der für ihre Gesundheit unverzichtbaren Bedingungen.
- 97 % der befragten Haushalte wurden seit Oktober 2023 mindestens einmal vertrieben. Und fast die Hälfte musste zwischen fünf und zehn Mal umziehen.
- 93 % der Befragten leben in unhygienischen Unterkünften, die ein Gesundheitsrisiko darstellen.
Diese wiederholten Vertreibungen zwingen die Familien dazu, unter unerträglichen Bedingungen zu leben, und berauben sie gleichzeitig der notwendigen Versorgung zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten. Der Mangel an Trinkwasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene begünstigt die Ausbreitung von Krankheiten wie Durchfall, Atemwegsinfektionen und Hautkrankheiten.
„Die Krankheit ist unser wahrer Begleiter in Zeiten von Krieg und Hungersnot“ – Die langfristig inszenierten Angriffe auf die Gesundheit der Palästinenser*innen: ein Schlüsselelement des andauernden Völkermords
Ein zerstörtes Gesundheitssystem
Familien haben nicht immer Zugang zu der notwendigen medizinischen Versorgung, um diese Krankheiten zu verhindern oder zu behandeln: 42 % der Befragten hatten in den letzten drei Monaten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung.
Das Gesundheitssystem ist völlig zerstört: Einrichtungen sind geschlossen, medizinisches Personal wurde abgezogen und es mangelt an Medikamenten. Krankheiten, die eigentlich vermeidbar wären und frühzeitig behandelt werden könnten, verschlimmern sich und beeinträchtigen den Gesundheitszustand der Bevölkerung erheblich.
Krankheit – der neue Alltag der Familien: Kinder unter 5 Jahren sind besonders betroffen
84 % der Kinder unter 5 Jahren waren in den letzten drei Monaten krank: Durchfall, Fieber, Atemwegsbeschwerden, Hautkrankheiten. Unsere Teams stellen fest, dass diese Krankheiten, die fast alle durch eine medizinische Grundversorgung vermeidbar wären, aufgrund der extremen Lebensbedingungen immer häufiger auftreten.
Unterernährung bei schwangeren und stillenden Frauen
93 % der schwangeren und stillenden Frauen zeigen Symptome einer Anämie – vor allem eine Folge der Unterernährung –, während nur 17 % von ihnen sich abwechslungsreich genug ernähren, um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Seit Januar 2026 haben unsere Teams bereits 458 Kinder und 1’533 schwangere und stillende Frauen wegen Unterernährung behandelt.
Der Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung hat sich mehr als verdoppelt
Der Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung und psychosozialer Unterstützung ist von etwa 485’000 Menschen vor dem Krieg auf über eine Million im Jahr 2025 gestiegen.
Meine Kinder haben sich verändert. Sie haben mehr Angst, machen sich Sorgen um das Essen und fühlen sich nicht mehr sicher. Sie zählen jeden Bissen und rechnen aus, wie viel Brot wir jeden Tag essen sollten. Sie haben die Hoffnung verloren, dass morgen ein Tag wie jeder andere sein wird. Auch ich habe das Gefühl, mich verändert zu haben. Früher habe ich über die Schulbildung der Kinder, die Familie und die Zukunft nachgedacht. Heute drehen sich die meisten meiner Gedanken darum, Essen, Wasser und eine Unterkunft zu finden, sowie um die Sicherheit meiner Kinder und ihre ungewisse Zukunft.
Diese anhaltenden humanitären und gesundheitlichen Zustände sind Teil des Prozesses der Vernichtung der palästinensischen Bevölkerung und stehen im Zusammenhang mit dem Völkermord, der im Verborgenen weitergeht.
„Der Waffenstillstand hat dem Völkermord leider kein Ende gesetzt. In Gaza ist der humanitäre Bedarf nach wie vor enorm, die Infrastruktur ist weitgehend zerstört und das Gesundheitssystem befindet sich weiterhin am Rande des Zusammenbruchs. Jeder Tag, an dem das Gesundheitssystem nur teilweise funktionsfähig ist, ist ein Tag, an dem vermeidbare Krankheiten chronisch und tödlich werden können. Was wir heute beobachten, wird sehr langfristige Folgen für die Gesundheit und die Zukunft der palästinensischen Bevölkerung haben. Es geht daher nicht nur darum, auf einen Notfall zu reagieren: Die Bedingungen, die zu dieser Verschlechterung der Gesundheitslage führen, müssen beseitigt werden.“ Hortense Devalière, Leiterin der internationalen Advocacy-Abteilung bei Médecins du Monde
© Moath Abu Al-Laban
Al-Jalaa-Zentrum für medizinische Grundversorgung, Gaza-City, 2026.
Ärzte der Welt ist seit über 30 Jahren im gesamten besetzten palästinensischen Gebiet im Einsatz:
- In Gaza gewährleisten unsere Teams die medizinische Grundversorgung in mehreren Gesundheitszentren. Sie bieten unter anderem allgemeinmedizinische Sprechstunden,
psychologische Betreuung und psychosoziale Unterstützung, Gesundheitsversorgung im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, Impfungen sowie Ernährungsberatung an. - Im Westjordanland ist Ärzte der Welt von Jenin bis Bethlehem tätig und setzt eine mobile Gesundheitseinheit ein, um den gestiegenen Bedarf – insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit – zu decken und gleichzeitig die Notfallvorsorge der Akteure im Gesundheitswesen zu stärken.