4 Jahre Krieg in der Ukraine: Gesundheit in Konfliktzeiten schützen
© Médecins du Monde
Vier Jahre nach Beginn der Eskalation des Krieges funktioniert das ukrainische Gesundheitssystem zwar noch, doch der Zugang zur medizinischen Versorgung wird immer schwieriger. Die unaufhörlichen Angriffe, die beschädigte Infrastruktur, die Unsicherheit und die Vertreibung der Bevölkerung erschweren den Zugang zu medizinischer Grundversorgung, besonders für Menschen, die in der Nähe der Frontlinie leben.
In vielen Gemeinden gibt es zwar noch Krankenhäuser und Gesundheitszentren, aber die Entfernung, Bombenangriffe, Stromausfälle, fehlende Transportmöglichkeiten und Personalmangel hindern die Menschen daran, rechtzeitig medizinisch versorgt zu werden. Diese Kluft zwischen den verfügbaren Angeboten und dem tatsächlichen Zugang betrifft ganze Gemeinden, insbesondere ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Patient*innen mit chronischen Erkrankungen und diejenigen, die ihr Zuhause nicht verlassen können.
Ein Gesundheitssystem, das den Angriffen standhält
Nach vier Jahren totalen Krieges ist „Resilienz“ eines der am häufigsten verwendeten Wörter. Die Gemeinden halten durch, die Familien halten durch und die öffentlichen Dienste halten durch. Und auch wenn die Ukraine standhält, ist Resilienz nicht gleichbedeutend mit Stabilität.
Einen langwierigen Krieg zu ertragen bedeutet, in ständiger Unsicherheit zu leben, unter enormen Anstrengungen zu funktionieren und Instabilität als neue Normalität zu akzeptieren. Die Städte lernen damit zu leben, dass das, was heute noch funktioniert, morgen schon nicht mehr funktionieren könnte – und diese permanente Instabilität wirkt sich auf alle Aspekte des Lebens aus.
Die Gesundheit ist einer der offensichtlichsten Indikatoren. Zwar sind viele Gesundheitseinrichtungen weiterhin in Betrieb, doch tun sie dies unter extrem schwierigen Bedingungen. Von 2024 bis Februar 2026 wurden mehr als 1.600 Angriffe auf die Gesundheitsinfrastruktur, darunter Krankenhäuser, Kliniken und Krankenwagen, registriert. Mehr als 400 Beschäftigte im Gesundheitswesen wurden getötet. Beschädigte Infrastrukturen und Stromausfälle beeinträchtigen direkt den täglichen Betrieb der medizinischen Einrichtungen.
In diesem Umfeld tiefgreifender Unsicherheit erfordert jeder Tag enorme Anstrengungen, um die lebenswichtigen Dienste am Laufen zu halten. Es handelt sich nicht um eine stabile Situation, sondern um einen erzwungenen Betrieb inmitten einer humanitären Krise.
Vom Konzept zur Realität: Wenn bestehende Dienste nicht gleichbedeutend mit zugänglichen Diensten sind
Diese vier Jahre Krieg lassen sich nicht nur anhand der Angriffe messen. Sie zeigen sich in den täglichen Hindernissen und Barrieren, mit denen die Bevölkerung konfrontiert ist.
Viele öffentliche Dienste gibt es zwar noch, aber viele Menschen können sie nicht nutzen.
Was sind die größten Hindernisse?
- Die unsichere Lage schränkt die Bewegungsfreiheit ein, besonders in Gebieten nahe der Frontlinie.
- Stromausfälle und beschädigte Infrastruktur beeinträchtigen den Betrieb von Gesundheitseinrichtungen.
- Die Entfernungen, die man zurücklegen muss, um Zugang zu den Dienstleistungen zu erhalten, werden immer größer, besonders in ländlichen Gebieten.
- Die Kosten für Medikamente, Tests, Arztbesuche und Transport sind zu hoch.
Diese Hindernisse veranlassen viele Menschen dazu, eine medizinische Behandlung aufzuschieben oder ganz zu vermeiden. Nicht, weil es keine Gesundheitszentren gäbe, sondern weil der Weg dorthin mit hohen Kosten, Risiken oder Schwierigkeiten verbunden sein kann. Diese wachsende Kluft zwischen den vorhandenen Angeboten und den Leistungen, die die Menschen tatsächlich in Anspruch nehmen können, ist zu einer der offensichtlichsten Folgen von vier Jahren Krieg geworden.
Besonders gravierend ist die Situation für die am stärksten gefährdeten Menschen:
- ältere Menschen,
- Menschen mit Behinderungen,
- Menschen mit chronischen Erkrankungen – sie alle sind auf kontinuierliche Pflege, regelmäßige medikamentöse Behandlung und oft auf körperliche Unterstützung bei der Fortbewegung angewiesen.
Die Hindernisse bei der Gesundheitsversorgung haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheit: Verzögerungen bei der Inanspruchnahme von Hilfe, Unterbrechungen lebenswichtiger Behandlungen – insbesondere bei chronischen Erkrankungen – und eine zunehmende Abhängigkeit von humanitären Hilfsdiensten oder dem privaten Kauf von Medikamenten. Für viele ist die Fortsetzung der Behandlung nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch des Überlebens. Sicherzustellen, dass niemand zurückgelassen wird, ist daher eine dringende Priorität bei der Gesundheitsversorgung in der Ukraine.
Das Gesundheitspersonal in der Ukraine: erschöpft und immer weniger
In der Ukraine sind die Gesundheitsdienste dank der außergewöhnlichen Anpassungsfähigkeit des Gesundheitspersonals weiterhin funktionsfähig geblieben. Um die tägliche Versorgung aufrechtzuerhalten, haben die Teams Aufgaben neu verteilt, neue Funktionen übernommen, Fortbildungen vor Ort absolviert und grundlegende psychologische Betreuung in die Grundversorgung integriert. Diese Maßnahmen sind kurzfristig hilfreich, bergen aber auch Risiken für die Qualität und sind langfristig schwer aufrechtzuerhalten.
Die Personalsituation zeigt, wie sehr das System unter Druck steht: In einigen ländlichen Gebieten und an der Front fehlt bis zur Hälfte des benötigten medizinischen Personals; viele Fachkräfte im Gesundheitswesen sind über 60 Jahre alt; und Stress sowie emotionale Erschöpfung sind an der Tagesordnung. Hinzu kommt das Fehlen offizieller Unterstützung für ihr Wohlbefinden. Das ukrainische Gesundheitssystem stützt sich mittlerweile weitgehend auf die Belastbarkeit seines Personals, was die dringende Notwendigkeit unterstreicht, in diejenigen zu investieren, die das System tagtäglich am Laufen halten.
Psychische Gesundheit und Burnout: ein unsichtbarer Notfall
Vier Jahre Konflikt hinterlassen tiefe Spuren, die nicht immer sichtbar sind. Die ständigen Luftangriffswarnungen, Bombardierungen, Vertreibungen, Stromausfälle und die anhaltende Unsicherheit haben zu weit verbreiteter Angst, Schlaflosigkeit und depressiven Störungen geführt. Die Nachfrage nach psychologischer Unterstützung steigt erheblich.
Aber es ist nicht immer einfach, um Hilfe zu bitten. Viele Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, und in den Frontgebieten hat das tägliche Überleben oberste Priorität. Auch die Stigmatisierung bleibt ein großes Hindernis.
Médecins du Monde integriert psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung in seine medizinische Arbeit. Psychologen arbeiten mit den Gemeinden zusammen – durch Einzelgespräche, Gruppensitzungen und psychoedukative Aktivitäten. Mit der Zeit öffnen sich die Menschen mehr, tauschen ihre Erfahrungen aus und beginnen, ihr Vertrauen wieder aufzubauen – sowohl gegenüber anderen als auch gegenüber sich selbst –, auch wenn Stigmatisierung und begrenzte Ressourcen weiterhin eine umfassende Bewältigung der psychologischen Folgen des Krieges behindern.
4 Jahre später: Wie sieht der Einsatz von Médecins du Monde in der Ukraine aus?
Seit 2014 ist Médecins du Monde in der Ukraine im Einsatz, um den Zugang zur Gesundheitsversorgung in den vom Konflikt am stärksten betroffenen Regionen zu verbessern.
In dieser Phase des Krieges konzentriert sich unser Einsatz auf die Gebiete, in denen der Bedarf am größten ist und der Zugang zu Gesundheitsdiensten am schwierigsten ist. Die Strategie ist klar: medizinische Versorgung dorthin bringen, wo die Menschen sind.
Unsere Teams fahren direkt in die Dörfer und zu den Haushalten. Sie bieten medizinische Grundversorgung an, verteilen lebenswichtige Medikamente, helfen bei der Behandlung chronischer Erkrankungen, erleichtern die Überweisung an Fachärzte und die Einweisung ins Krankenhaus, wenn das nötig ist, und unterstützen Menschen, die sonst keine medizinische Versorgung erhalten würden.
Für viele Patient*innen bedeutet das, dass sie keine gefährlichen oder unmöglichen Reisen mehr auf sich nehmen müssen.